Prof. Dr. Anja Voeste

Professur für Historische Sprachwissenschaft/ Sprachgeschichte des Deutschen



Die Professur erforscht die Geschichte der deutschen Sprache und den Sprachwandel. Arbeitsfelder sind die Stadien der Sprachgeschichte des Deutschen vom Althochdeutschen bis zum 20. Jh. in ihren historischen, sozialen und kulturellen Zusammenhängen sowie die Erforschung von Mechanismen und Prinzipien des Sprachwandels.
 
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Schrift ist ein Arkanum

Prof. Dr. Anja Voeste, Universität Gießen 

Sprache hat für uns, die wir in der Schule lesen und schreiben gelernt haben,  selbstverständlich eine schriftliche Gestalt. Sprache ist Form. Wörter und Sätze sind  Einheiten, die wir als naturgegeben hinnehmen.

Fragt man allerdings Vorschulkinder, was ein  Wort ist, oder aus wie vielen Wörtern, sagen wir, der Name Claudia Schiffer besteht,  bekommt man ganz unterschiedliche Antworten: 4 oder vielleicht eher 5? Oder doch nur  zwei? Vorschulkinder hören Sprache, für sie existieren Silben, aber keine Wörter.  Andererseits ist für Vorschulkinder, ebenso wie für die Laici, die Nicht-Geistlichen des  Mittelalters, Geschriebenes ein Arkanum, eine Geheimwissenschaft. Wir Erwachsenen sind  dagegen von der Schriftlichkeit geprägt. Uns ist sie längt kein Arkanum mehr.    

Bei Manfred Bock nun hat sich, so scheint es, das Thema Schreiben und Schrift vor dem  Hintergrund ganz persönlicher Erfahrungen zunächst langsam, dann immer intensiver in seine  Bilder gedrängt. Aufgewachsen zu einer Zeit, als es noch eine Note für Schönschreiben gab  und man als Linkshänder mehr oder weniger erfolgreich zum Rechtshänder umerzogen  wurde, war ihm das Schreiben eine Hürde im schulischen Alltag, eine ständige Quelle des  Misserfolgs und des Tadels. In seinen jüngsten Bildern nun, die im letzten Jahr entstanden  sind und die wir hier heute sehen, ist es, als hätte Manfred Bock dem lange durch Disziplin  gebändigten und geknebelten Schreiben endlich die Karzertür geöffnet. Die Schrift springt,  sie dehnt sich aus, sie türmt sich zu Wellen auf und sie hat sogar gelernt zu schweben.    

Doch sehen wir uns die Schrift einmal genauer an: Manfred Bock arbeitet mit Zitaten,  mitunter in fremden Sprachen, manchmal in Spiegelschrift. Er hat diese Zitate aus ihrem  Kontext gelöst, sie sind nicht verstehbar und nicht entzifferbar – er raubt ihnen so ihre  eigentliche Bedeutung und gibt ihnen die Freiheit, sich neu zu erfinden. Manfred Bock hat die  Schrift losgelöst von ihrer Aufgabe, der Sprache zu dienen. Nun zeigt sie uns auf anderem  Wege, was sie kann und was sie ist: Sie ist Struktur und sie schafft Illusionen.    

Auf uns als Betrachter wirkt diese Freiheit der Schrift jedoch nicht nur heiter. Immer dann,  wenn sich die Zeichen zusammendrängen und dunkler und dunkler werden, entsteht  Beunruhigendes. Wir sehen Räume, die keine sind, es tun sich Abgründe auf, ein Strudel  scheint uns hinabzuziehen und unklare Perspektiven verunsichern uns. Die aus dem Karzer  entlassene Schrift kommt uns vor wie der Besen des Zauberlehrlings: einmal freigelassen, ist  er nicht mehr zu bändigen und macht, was er will.    

Manfred Bock gibt uns hier etwas zurück, was wir verloren hatten. Schrift wird uns wieder zu  einem Arkanum. Wie Vorschulkinder staunen wir vor den Strukturen, deren Bedeutung wir  doch nicht erschließen können. Die Bilder geben uns das Gefühl des Staunens zurück, sie  flößen uns Hochachtung ein vor diesem Wundersamen, Geheimnisvollen.    

Doch die Bilder sind noch mehr. Sie sind nämlich auch eine Liebeserklärung. Wann haben  Sie das letzte Mal eine ganze Seite mit der Hand geschrieben? Können Sie sich überhaupt  daran erinnern? Wir stehen am Beginn des 21. Jahrhunderts nicht mehr nur an der Schwelle  zum neuen Medienzeitalter, längst haben wir unwiderruflich den Raum betreten, in dem wir  nur noch auf Tastaturen tippen und bald sogar nur noch diktieren werden. Manfred Bock führt  uns mit seinen Schriftbildern die Schönheit der individuellen Schreibschrift vor Augen,  während wir ansonsten nur noch von Druckbuchstaben umgeben sind.    

Gerade die Kursive, die nach und nach aus den Grundschulen verdrängt wird, ist bei Manfred  Bock die tragende Struktur, das Rückgrat seiner Bilder. Es ist die Ästhetik dieser Kursive, die  hier in Szene gesetzt wird. Ihr gilt seine Liebeserklärung.    

Ich wünsche mir, dass es Ihnen so geht wie mir. Dass Ihnen auch das Herz schneller schlägt  angesichts der Zusammenkunft von Altem und Neuem. Von traditioneller, aber individueller  Handschrift und einer neuen, ungebärdigen, geheimnisvollen Form, zu der sie sich verdichtet.  Als Sprachwissenschaftlerin hoffe ich, dass wir die hier gezeigte Ästhetik der Kursive noch  lange schätzen werden, denn nur in der Kursive manifestiert sich die Individualität des  Schreibenden. So kann man Manfred Bocks Bilder sogar als wehmütige Mahnung lesen. 

Denn wenn unseren Kindern und Enkelkindern bald die Kursive zu einem wirklichen  Arkanum wird, bauen sich Barrieren zur Vergangenheit und zur ästhetischen Wahrnehmung  der Handschrift auf. Die Kursive, der Manfred Bock hier ein liebevolles Mahnmal setzt, wird  dann das Schicksal der Sütterlinschrift teilen.